Verschlüsselung und Post-Privacy

Ja, ich engagiere mich für Verschlüsselung, Anonymität und ein dezentrales Internet. Und gleichzeitig bin ich Verfechter der Idee einer Post-Privacy-Gesellschaft. Wie kann das zusammengehen?

Zur Post-Privacy-Gesellschaft schreibe ich in Kürze noch mehr, nur kurz gesagt, sie ist nach meiner Auffassung die Beschreibung eines utopischen zivilisatorischen Zustandes einer offenen Weltgesellschaft, in der es keine Scham mehr gibt und auch keine Ausgrenzung. Eine solche Gesellschaft erfordert die ständige Bereitschaft der Menschen, konstruktiv daran teilzuhaben.

Vor allem aber bedeutet das, dass die Menschen sich jederzeit freiwillig dazu entscheiden, weil sie einsehen, dass es die vernünftigste Form des Zusammenlebens ist.

Eine solche Entscheidung setzt aber vor allem vorraus, dass die Menschen über sich selbst verfügen können, dass sie Souverän ihrer selbst sind.

Das Ganze läuft dann natürlich übers Internet, es ist eine Technik-Utopie. Und hier sind wir noch weit davon entfernt, Souverän unserer selbst zu sein. Unsere digitale Identitäten liegen auf irgendwelchen Servern, die sich unserer Kontrolle vollständig entziehen. Unsere Daten können von unbekannten Akteurinnen gelesen, gespeichert und sogar verändert werden, ohne dass wir uns dafür entschieden haben (Ja, teilweise haben wir gegen unseren Willen zugestimmt oder kennen die Gefahren und machen es trotzdem, weil wir die Technologie unbedingt wollen).

Die Vorraussetzung für eine offene Internetgesellschaft ist also erst einmal, die Verfügung über unsere Daten wiederzuerlangen. Dafür brauchen wir ein echtes dezentrales Internet und die Möglichkeit, verschlüsselt zu kommunizieren. Erst dann können wir frei entscheiden, uns immer mehr zu öffnen und unser Wissen und unsere Erfahrungen zu teilen.

Die Realität hat diese etwas theoretischen Überlegungen schon seit langem überholt, tatsächlich teilen ja schon Millionen Menschen ihr Leben mit der Welt. Die Hoheit über ihre Daten haben sie aber nicht. Die Überwachung durch die internationalen Geheimdienste macht erst mal deutlich, dass wir uns schützen müssen.

Die Utopie einer Post-Privacy-Gesellschaft bedarf für ihre Realisierung dann noch mehr: Die Abschaffung bestehender Machtstrukturen.

Die NSA-Daten und die Post-Privacy-Gesellschaft

Durch Edward Snowden sind viele der Überwachungsmethoden der internationalen Geheimdienste offenbar geworden. Die Daten selbst liegen noch bei der NSA. Einen Teil davon hat Snowden womöglich kopiert – in welchem Umfang ist unbekannt.

Spannend würde es, wenn die tatsächlichen Datenbestände, oder Teile davon, selbst an die Öffentlichkeit gelangen würden. Zum Beispiel die Metadaten aus dem Mobilfunk.

Laut den Berichten hat die NSA Mobilfunkdaten der meisten Menschen über etliche Jahre gespeichert, dazu zählen auch die Informationen über die Einwahl-Funkzellen, aus denen sich Bewegungsprofile erstellen lassen.
Die Bewegungsprofile von Milliarden von Menschen über den Zeitraum von mehreren Jahren ließen sich womöglich komprimiert in einer Datei von weniger als einem Terrabyte speichern – und damit einigermaßen gut über Filesharingnetzwerke verbreiten.

Die Folgen eines solchen Leaks wären enorm: Es wäre über die meisten Menschen öffentlich, wo sie sich ungefähr aufgehalten haben in dem betreffenden Zeitraum. Alle großen und kleinen Lügen oder Verheimlichungen über Aufenthalte würden mit einem Mal auffliegen. Klar, hat nicht immer jede ihr Handy immer und überall dabei. Aber wenn sich das Handy in einer Funkzelle eingewählt hat, muss es auch jemand dort hingetragen haben.

Vielleicht würden viele Menschen einen solchen Leak als Eingriff in ihre Privatsphäre begreifen. Dabei ist dieser Eingriff bereits heute schon geschehen. Wir befinden uns schon in einer Art Vorstufe zur Post-Privacy-Gesellschaft. Nicht alle können alles über mich wissen, alles können nur ein paar militärische und möglicherweise faschistoide Geheimdienste wissen, dazu können Online-Portale und Werbewirtschaft auch einiges über mich wissen. Und ich weiß nicht mal, was genau und wo die sich womöglich irren.

Eine vollständige Post-Privacy-Gesellschaft ist realisiert, wenn alles über alle immer offen ist. Was für viele eine Alptraumvorstellung ist, halte ich für äußerst faszinierend. Eine solch offene Gesellschaft muss ihre Scham ablegen, muss sich selbst in Gesicht sehen, muss ihre Fehler, da nun offenbar, auch eingestehen, muss verzeihen lernen. Aber dafür kann sie auch ehrlich, fair und tolerant sein, ohne, dass mensch Angst haben muss, dass doch im Geheimen noch etwas gegen sie ausgeheckt wird.

Allein der Leak aller Bewegungsprofile: Viele Tränen wegen einiger Seitensprünge oder Schuleschwänzen oder sonstiger kleiner Lügen. Aber endlich würden auch weite Teile von Klüngel und Korruption offenbar.

Ich glaube, die meisten Menschen haben tatsächlich nicht so viel zu verbergen. Ja, kleine Lügen, kleine Verfehlungen, kleine Laster. Es wäre ein großes Drama. Aber die echten Gangster haben viel mehr zu befürchten. Die, die ihre Macht missbrauchen, die sich an anderen bereichern, haben doch am meisten zu verbergen. Das sollte offen gelegt werden.

Verschlüssellung als sozialer Prozess

Ein Faszinosum der Snowdon-Enthüllungen ist ja, dass sie zwar auf gewaltiges Medienecho stoßen, sonst aber kaum Reaktionen hervorrufen. Die Aufregung ist groß und viele erahnen die Tragweite einer weltweiten Totalüberwachung, aber nur wenige ergreifen tatsächlich Maßnahmen.

Es ist klar, dass wir eine politische Lösung brauchen, jedoch muss diese auch eine veränderte technische Infrastruktur mit einschließen. Eine einfache Möglichkeit, aktiv gegen die Überwachung zu sein, ist es, verschlüsselte Kommunikationskanäle zu benutzen und andere dazu anzuregen, es gleich zu tun.

Das ist ein sozialer Akt, der so wichtig ist, weil er Teil eines sozialen Bewusstseinswandels ist. Der ist notwendig, vor allem für das Erreichen einer politischen Lösung. Es ist auch eine Konsequenz, Profile bei Facebook oder Google zu löschen. Aber vielleicht bringt es uns sogar noch weiter, verschlüsselte Kommunikationssoftware einzurichten und dafür auf den (überwachten) Netzwerken zu werben.

Ich zum Beispiel bin verschlüsselt über Jitsi und Retroshare erreichbar, verschlüsselte Emails kann ich auch empfangen.

Hello world!

Hallo Welt, es ist nun schon etwa ein Jahr her, seit ich die Idee zur freebox hatte. Ich war zu der Zeit in Nepal und nutzte hauptsächlich Skype und Facebook, um mit Freunden zu kommunizieren. Schon damals mochte ich den Gedanken nicht, dass kommerzielle Unternehmen Zugriff auf meine persönliche Daten haben.

Es ärgerte mich, dass es für die Nutzung von dezentralen sozialen Netzwerken wie diaspora oder Friendica nötig war, einen Webserver anzumieten und die Software aufwändig zu installieren. Daher wollte ich eine kleine Kiste mit einem Raspberry Pi und vorinstalliertem Friendica entwickeln für alle, die genug von Facebook haben.

Ich war davon überzeugt, dass die kleinen privaten Server mit vorinstalliertem Social Network das Potential hätten, schießlich sogar die Vormachtstellung Facebooks zu brechen.

Nach meiner Rückkehr nach Berlin habe ich damit begonnen, meinen Computer umzurüsten. Ich habe Linux installiert und mich mit Verschlüsselungs-Software beschäftigt. Ein halbes Jahr lang habe ich versucht, andere von der freebox-Idee zu überzeugen, da ich mir nicht zutraute, den Server ganz alleine zu bauen.

Dann wurde die grenzenlose Überwachung der Geheimdienste publik und ich fing schließlich einfach damit an.

Dieser Blog ist nun ein weiterer Schritt, mir autonome Wege der Veröffentlichung anzueignen. Für die freebox wird es noch eine andere Plattform geben. Hier blogge ich persönlich über alles, was mich interessiert.

Ich freue mich darauf und wünsche dir viel Spaß damit!