Verschlüsselung und Post-Privacy

Ja, ich engagiere mich für Verschlüsselung, Anonymität und ein dezentrales Internet. Und gleichzeitig bin ich Verfechter der Idee einer Post-Privacy-Gesellschaft. Wie kann das zusammengehen?

Zur Post-Privacy-Gesellschaft schreibe ich in Kürze noch mehr, nur kurz gesagt, sie ist nach meiner Auffassung die Beschreibung eines utopischen zivilisatorischen Zustandes einer offenen Weltgesellschaft, in der es keine Scham mehr gibt und auch keine Ausgrenzung. Eine solche Gesellschaft erfordert die ständige Bereitschaft der Menschen, konstruktiv daran teilzuhaben.

Vor allem aber bedeutet das, dass die Menschen sich jederzeit freiwillig dazu entscheiden, weil sie einsehen, dass es die vernünftigste Form des Zusammenlebens ist.

Eine solche Entscheidung setzt aber vor allem vorraus, dass die Menschen über sich selbst verfügen können, dass sie Souverän ihrer selbst sind.

Das Ganze läuft dann natürlich übers Internet, es ist eine Technik-Utopie. Und hier sind wir noch weit davon entfernt, Souverän unserer selbst zu sein. Unsere digitale Identitäten liegen auf irgendwelchen Servern, die sich unserer Kontrolle vollständig entziehen. Unsere Daten können von unbekannten Akteurinnen gelesen, gespeichert und sogar verändert werden, ohne dass wir uns dafür entschieden haben (Ja, teilweise haben wir gegen unseren Willen zugestimmt oder kennen die Gefahren und machen es trotzdem, weil wir die Technologie unbedingt wollen).

Die Vorraussetzung für eine offene Internetgesellschaft ist also erst einmal, die Verfügung über unsere Daten wiederzuerlangen. Dafür brauchen wir ein echtes dezentrales Internet und die Möglichkeit, verschlüsselt zu kommunizieren. Erst dann können wir frei entscheiden, uns immer mehr zu öffnen und unser Wissen und unsere Erfahrungen zu teilen.

Die Realität hat diese etwas theoretischen Überlegungen schon seit langem überholt, tatsächlich teilen ja schon Millionen Menschen ihr Leben mit der Welt. Die Hoheit über ihre Daten haben sie aber nicht. Die Überwachung durch die internationalen Geheimdienste macht erst mal deutlich, dass wir uns schützen müssen.

Die Utopie einer Post-Privacy-Gesellschaft bedarf für ihre Realisierung dann noch mehr: Die Abschaffung bestehender Machtstrukturen.